
27.02.2005
Viel Rauch, wenig Ehr’
Heute tritt die weltweite Anti-Tabak-Konvention in Kraft – aber sie lässt der
Zigarettenindustrie und den Staaten großen Spielraum
Von Jan Dirk Herbermann, Genf
Krebs, Herzinfarkt, Schlaganfall: Jedes Jahr bezahlen rund fünf Millionen
Menschen ihre Nikotinsucht mit dem Leben. Jetzt soll der Kampf gegen das Rauchen
weltweit geführt werden. An diesem Sonntag tritt die internationale Konvention
zur Tabakkontrolle in Kraft. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) setzte die
Konvention nach jahrelangen Verhandlungen durch. „Die Konvention ist der erste
weltweite Gesundheitsvertrag und wird Millionen von Menschen vor dem Rauchertod
schützen“, erklärte WHO-Generaldirektor Lee Jong-wook.
Zudem hofft Lee, die gigantischen Kosten der Tabaksucht zu dämpfen: Nach
WHO-Angaben betrug bereits 1994 der weltweite volkswirtschaftliche Schaden rund
200 Milliarden US-Dollar – von Behandlungen der Tumore bis hin zu
Sozialleistungen für Hinterbliebene.
Einem Gewinner, der milliardenschweren Tabakindustrie, will Lee mit dem
WHO-Vertrag Fesseln anlegen. Allerdings sorgten die mächtigen WHO-Mitglieder
Deutschland, USA und Japan dafür, dass die Industrie weiter genügend
Bewegungsfreiheit genießt.
Das zeigt sich etwas am Beispiel des Tabakwerbeverbots: Zwar einigten sich die
WHO-Staaten auf eine Ächtung der Reklame für Zigaretten, Zigarren und andere
Produkte der Tabakindustrie. Nur: Die Verbote in den Ländern müssen „in
Übereinstimmung mit ihrer Verfassung oder ihren verfassungsrechtlichen
Grundsätzen“ stehen. Das Recht auf Meinungsfreiheit kann Werber also schützen.
Auch in der Frage der Tabaksteuer war die WHO nachgiebig: Die Erhöhung der
Abgaben auf Zigaretten solle jede Vertragspartei berücksichtigen, heißt es in
der Konvention. Das „souveräne Recht“, die Steuerpolitik selbst zu bestimmen,
tastet die WHO aber nicht an.
Weitere Regeln des Vertrages sind jedoch verbindlich: So etwa die Verpflichtung
für die Tabakindustrie, deutliche Warnhinweise auf ihre Produkten zu platzieren.
Oder die Verpflichtung für die Vertragsstaaten, Passivraucher zu schützen und
den Tabak-Schmuggel zu bekämpfen. Ob sich die Länder gegen den blauen Dunst
genügend engagieren, soll eine Konferenz der Vertragsstaaten überprüfen.
„Zunächst beginnt die wirkliche Arbeit in den Hauptstädten“, sagt WHO-Chef Lee.
„Die Länder müssen die Bestimmungen des Vertrages in nationale Gesetze
überführen.“
Konsumentenschützer warnen aber davor, dass die Tabakindustrie die legislativen
Bemühungen hintertreiben könnte. Bislang haben tatsächlich von den 168
Unterzeichnerstaaten erst 57 das Abkommen ratifiziert, darunter nur 18
Entwicklungsländer. Auch die größte Volkswirtschaft der Welt, die USA, und das
bevölkerungsreichste Land, China, haben die Konvention bislang nur signiert.