
Es ist 11.43 Uhr. Ganz oben am Kopfende der Theke stehen drei leere Schnapsgläser, vier halbvolle Bierflaschen und ein Glas Salzstangen. Unter einem Schild mit der Aufschrift "Zickenzone", sitzen Klaus und Fritze. Klaus ist Mitte 50 und Frührentner. Fritze ist sein ungarischer Jagdhund. Klaus raucht. Fritze bellt. Keiner von beiden sieht so aus, als ließe er sich von etwas aus der Ruhe bringen, das "Gesetz zum Schutz vor den Gefahren des Passivrauchens in der Öffentlichkeit" heißt. Wenn sich Klaus eine filterlose Zigarette ansteckt, und das tut er praktisch pausenlos, klemmt er sie zwischen Daumen und Mittelfinger, wie der frühe Humphrey Bogart. Klaus sagt, er verbrauche anderthalb Schachteln am Tag, wenn Alkohol im Spiel ist, ein bisschen mehr. Alkohol ist ziemlich oft im Spiel.
Der Beschluss des Berliner Senats, wonach ab dem 1. Januar 2008 in geschlossenen Räumen, die der Öffentlichkeit zugänglich sind, nicht mehr geraucht werden darf, hat unter den Gastronomen für so manche Turbulenz gesorgt. Die klassische Berliner Eckkneipe stirbt, heißt es. Es wurden Raucher-Clubs gegründet, Trennwände bestellt, Unterschriften gesammelt, Klagen angestrengt. Wenn man Klaus glauben schenkt, dann stirbt im "Zwischendrin, na und" - abgesehen von zahlreichen Lungenkapillaren - erst einmal gar nichts. Dass hier ab Neujahr das Rauchen eingestellt wird, steht nicht zur Debatte. "Was willste denn sonst hier machen?", fragt Klaus.
Eine Antwort auf diese Frage ist tatsächlich nicht einfach. In dem Einraumbetrieb am Mierendorffplatz, dort wo Charlottenburg in Richtung Flughafen ausfranst, gibt es keinen Billardtisch, keine Dartscheibe und keine Boulevardzeitung. Es gibt noch nicht einmal Nachnamen. Man heißt hier Klaus, Peter oder Manuela - fertig. Wenn in dieser Kneipe der Tabakkonsum verboten wird, bleiben noch zwei Beschäftigungen übrig: Trinken und Salzstangen essen.
Manuela, die blond-gesträhnte Frau hinter der Theke, hat faszinierend weiße Zähne und trägt eine rote Zipfelmütze. Manuela: "Möchte jemand Bier?" Peter: "Aber hallo!" Klaus: "Nee, is' Ramadan." Alle wiehern als hätten sie diese Sprüche zum ersten Mal gehört. Dann folgt das Ritual, an dem der ganze Streit um den Nichtraucherschutz jetzt hochkocht: Anstoßen, antrinken, absetzten, anzünden. Bier und Tabak, das gehört für Millionen von Deutschen immer noch so selbstverständlich zusammen wie Cornflakes und Milch. Die Gesellschaft hat es ihnen beigebracht, und nun will dieselbe Gesellschaft es ihnen wieder verbieten. Um es mit den Worten von Klaus zu sagen: "Es muss ja auch nicht überall geraucht werden. Aber det is' ne Kneipe!"
Wie das Statistische Landesamt mitteilt, gibt es in der Hauptstadt gut 1 333 000 Raucher. Das sind 34 Prozent aller Berliner. Den meisten von ihnen ist nicht entgangen, dass die Ära der Zigarette zu Ende geht. Vorbei die Zeit, als der Rauch als Sinnbild des Intellekts galt, als Pose der Frivolität oder als Fackel der Freiheit. Inzwischen haben sich die Raucher daran gewöhnt, dass sie für ihre Sucht öffentlich gedemütigt werden. Sie lesen täglich ihr Todesurteil auf der Zigarettenschachtel und sie hören, dass sie mit ihrem Qualm auch den Rest der Welt mit ins Verderben reißen. Der rauchende Mensch, einst als Indianerhäuptling, Dichter oder Bundeskanzler verehrt, ist zu einem Schädling abgestiegen, der den sozialen Frieden gefährdet. Er fristet sein Dasein auf windigen Balkonen, in klimatisierten Glaskästen oder hinter einer durchgezogenen gelben Linie am Bahnsteig. Der Raucher stört. Das weiß er und damit hat er sich abgefunden. Ohne nennenswerte Widerstände hat er sich aus Flugzeugen, Zügen, Universitäten vertreiben lassen. Auch in Restaurants und Amtsstuben wird er bald friedfertig kapitulieren. Nun aber dringt der Nichtraucherschutz in das letzte Reservat der qualmenden Minderheit ein, in die Eckkneipe. Dort, wo diese Minderheit in der Mehrheit ist. Da soll noch einer die Welt verstehen.
Manuela kann ganz schön laut werden, wenn es um das Verständnis der Welt geht. Die Wörter "Diskriminierung" und "Politikerschwein" klingen dann noch schärfer als sie ohnehin sind. "Das mit dem Rauchverbot wird hier nicht passieren. Wir rauchen hier alle", kreischt die Wirtin. Dass hier alle rauchen, stimmt nicht ganz. Aber fast. Peter erzählt: "Zwei Mal in der Woche kommt hier einer rein, der ist Nichtraucher." Seinen Namen kennt er nicht.
Keine Frage, der Kulturkampf zwischen Rauchern und Nichtrauchern hat sich auch daran entzündet, dass Raucher vor allem Raucher kennen. Die Nichtraucherin Elisabeth Rieth dagegen kennt vor allem Nichtraucher. Zu ihrer Tochter, einer Raucherin, hat sie seit Jahren keinen Kontakt mehr. Als Sonderbeauftragte für Gastronomie in der Lobbygruppe "Forum Rauchfrei" hatte sie Einfluss auf die Ausgestaltung jenes Gesetzes, das nun die Kneipengänger entzürnt. Elisabeth Rieth geht nie in Kneipen. Sie sitzt gegen Mittag im Café Mövenpick am Breitscheidplatz, das schon seit einem Jahr nikotinfrei ist. "Mit gutem Beispiel voran", steht an der Eingangstür.
Rieth hat einen Tisch für vier Personen bestellt, obwohl nur zwei Leute kommen. Sie sagt, es sei ihr sonst zu eng bei all den Leuten im Mövenpick und da sehe man mal, dass ein Rauchverbot eher Gäste anlocke als vertreibe. In ihrer randlosen Brille spiegelt sich eine Kerze, eine junge Kellnerin balanciert trotz der vielen Gäste in wenigen Minuten Sahnetorte und Cappuccino herbei. Am Nebentisch gibt es Wildschweinragout. Es ist angenehm, dass hier nicht geraucht wird.
Seit 1975 kämpft Elisabeth Rieth für solche "ungefährlichen Orte", wie sie sagt. Damals besetzte sie mit Müttern und Kindern ein kleines Café in der Nähe von Düsseldorf. Sie wurde von der Polizei weggetragen und bekam eine Anzeige. Demnächst wird sie siebzig, und wenn man die Inbrunst erlebt, mit der sie von Raucherlungen, Krebsgeschwüren und 3 300 toten Passivrauchern pro Jahr erzählt, zweifelt man keine Sekunde daran, dass sie immer noch in den Barrikadenkampf ziehen würde. Elisabeth Rieth sagt zwar: "Wir können nicht am ersten Tag mit der Knute losziehen." Aber dann zieht sie am 1. Januar eben ohne Knute los. So mancher Wirt hat ja erklärt, frühestens ab Juli konsequent gegen Zigarettenqualm vorgehen zu wollen. Erst dann kann das Ordnungsamt 1 000 Euro Strafe verhängen. Aber da haben die Gastronomen ihre Rechnung ohne Elisabeth Rieth gemacht. Mit einem linkischen Lächeln greift sie nach einer Infobroschüre der Senatsverwaltung. "Man kann die Leute schon ab Januar anzeigen. Das wird dann gesammelt und kann im Juli gegen Wiederholungstäter verwendet werden."
So manches Mal wurde Rieth für ihre Art als militant beschimpft. Das ging soweit, dass sie sich eine neue Telefonnummer zulegte. Sie wehrt sich allerdings gegen den Eindruck, sie fördere mit ihrer Art das Denunziantentum in der Gesellschaft. Sie kämpfe nicht gegen Raucher, sie wolle sie nur auf Abstand halten. "Jetzt erleben die Raucher mal wie es ist, ein Leben lang ausgegrenzt zu werden." Genau davor haben sie aber in vielen der 933 Schankwirtschaften Berlins Angst. Ausgrenzung.
Die Holstenburg in Charlottenburg, früher Nachmittag, das Lokal füllt sich. Eine typische Berliner Eckkneipe, die im Gegensatz zu vielen anderen typischen Eckkneipen sogar an einer Ecke liegt. Die Gardinen sind gelb wie Vanillepudding von 18 Jahren Passivrauchen. Das Angebot ist übersichtlich, keine Experimente. Kleines Bier 1,10, Korn 1,20. Zu Essen gibt es nichts, gegenüber ist Wurstmaxe.
Roswitha Hannemann, 58, die Wirtin in der Holstenburg, berlinert nicht. Sie stammt aus Vechta in Niedersachsen. Als Jugendliche musste sie im Moor Torf stechen, "die ganze Zeit gebückt". Deshalb war sie froh, als sie eines Tages einen aufrechten Mann kennenlernte, den Kneipenwirt Gerd. Sie heirateten und seither steht Roswitha Hannemann jeden Tag ab neun Uhr morgens in der Holstenburg. So lange, bis der letzte Gast nach Hause geht.
Weil es für Hannemann kein Leben jenseits ihrer Theke gibt, hat sie die Wirtschaft zu ihrem Wohnzimmer gemacht. Auf einer rustikalen Kommode türmen sich Vasen, Porzellanengel und alte Keksdosen. Hannemann sagt, sie liebe diesen Ort, auch wenn so ein Eckkneipenleben nicht ohne Rückschläge abläuft. 1978 zum Beispiel, als ein Lkw in das große Glasfenster rauschte. Oder später, als ein Beamter des Bezirksamtes allen Ernstes der Meinung war, dass die Holstenburg unbedingt eine Behindertentoilette und einen Warmwasser-Boiler braucht. Dann kamen auch noch der Euro und der frühe Tod von Gerd. All das habe sie viele Nerven und Tränen gekostet. Dann sagt Roswitha Hannemann: "Das Rauchverbot ist der schlimmste Einschnitt, den ich hier erlebe."
Es ist falsch zu glauben, Lokale wie die Holstenburg seien alleine für die reibungslose Bierversorgung im Kiez zuständig ist. Sie bieten auch einen öffentlichen Raum, in dem man sich wohlfühlen soll. Und jetzt geht es eben um die Frage, ob das Wohlgefühl der Menschen gesetzlich geregelt werden kann. Den Zustand vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens, nennt man Gesundheit. Diese Definition stammt von der Weltgesundheitsorganisation WHO. Wenn nun aber ein Kulturgut wie die Zigarette, welches das körperliche Wohlbefinden erwiesenermaßen zu Grunde richtet, von manchen Menschen mit sozialem Wohlbefinden gleichgesetzt wird, dann ist entweder die Definition der WHO schlecht, oder die Sache ist doch nicht so einfach, wie Elisabeth Rieth behauptet: "Die können doch einfach da sitzen bleiben und aufhören."
In der Holstenburg sorgt ein geschlossener Kreis von etwa 50 Stammgästen für den Großteil des Umsatzes. Witwen, Rentner, Arbeitslose, die in Roswithas Wohnzimmer ein wenig Geborgenheit finden. "Man ist hier nie allein", sagt die Wirtin. Wenn zum Beispiel einer einen Schrank braucht, dann wird irgendwo ein Schrank aufgetrieben. Plötzlich behauptet aber über die Hälfte der Gäste, dass sie nicht mehr kommen würde, wenn die Roswitha die Aschenbecher abräumt. Wenn nur zehn Prozent ihre Drohung wahr machen, kann Hannemann ihr Lokal dicht machen. Einer, dessen Augenfarbe gut zu den Gardinen passt, sagt: "Man macht aus alten Rauchern alleinstehende, vor sich hinvegetierende Menschen. Die können dann noch zu Hause mit der Tapete reden." Seine Lunge pfeift wie ein Teekessel.
22.10 Uhr, das Kasiske in Friedrichshain. Von hier soll sie also ausgehen, die Gegenrevolution zur Rettung der Berliner Kneipenkultur. Freiheitsrechte, Selbstbestimmung, staatlicher Kontrollwahn, das sind Worte, die Sebastian Meskes und Uli Kasiske häufiger benutzen. Sie haben eine Unterschriftenkampagne ins Leben gerufen und sie "Initiative für Genuss" genannt. Kein schlechter Name für ein Suchtmittel, das neben Teer im Wesentlichen Ruß, Arsen und Zyanid absondert. Ein starker Raucher wie Meskes fügt seiner Lunge jährlich etwa eine Tasse Teer zu. Das kann nicht gut sein - sieht er selbst ein. Man kann es aber auch politisch sehen. Darf man einem freien Menschen verbieten, sich freiwillig zu Grunde zu richten? Der Tabak und die Basisdemokratie, da gibt es ja durchaus eine Verbindung. In den Lebenserinnerungen des Unternehmers Werner von Siemens ist zu lesen, wie im März 1848 in akuter Staatskrise das Berliner Rauchverbot fiel. Eine aufgebrachte Menge war gerade dabei, das Schlosstor aufzubrechen, als der junge Fürst Lichnowsky offenbar auf eigene Verantwortung hin auf dem Schlossplatz auf einen Tisch stieg, um die Revolutionäre zu besänftigen. Auf die Frage aus dem Volke, ob nun wirklich alles bewilligt sei, antwortete er: "Ja, Alles meine Herren". "Och det Rochen?" "Ja, auch das Rauchen". Dann zog die Menge zufrieden ab.
Der Raucheraktivist Meskes und der Kneipenwirt Kasiske finden, man könnte auch heute ganz leicht alle zufriedenstellen. Sie fordern, die Welt in Raucher- und Nichtraucherkneipen zu unterteilen. Hier die Süchtigen, dort die Gesundheitsbewussten. Dann könne jeder selbst entscheiden, sagt Meskes, und dann wolle man doch mal sehen, ob plötzlich Tausende von Nichtrauchern in die Kneipen strömen. In Baden-Württemberg, wo das Rauchverbot bereits seit Sommer gilt, ist es ja auch nicht so gekommen. Laut einer Umfrage des Hotel- und Gaststättenverbandes melden die Kneipenwirte und Diskothekenbesitzer dort einen durchschnittlichen Umsatzrückgang von 20 Prozent.
Uli Kasiske steht jetzt seit elf Jahren hinter seiner Theke. Er weiß, für welche Sätze ihm der Stammtisch zuprostet: "Kneipen in Wellnesstempel umbauen zu wollen, ist absurd." Kasiske ist aber nicht nur ein guter Redner, er ist auch ein Pragmatiker. Kann ja sein, dass sein Volksbegehren vom Berliner Senat einfach so ignoriert wird. "Iss' ja immer nur mit die Knute." Dann muss es eben trotz des Rauchverbots weitergehen, irgendwie. Kasiske hat bereits 2 000 Euro für Rigips-Platten veranschlagt, um einen dunstfreien Durchgang von der Theke durch den Raucherraum zu den Toiletten zu legen. Wie ein Spielertunnel im Fußballstadion soll das aussehen. Ob das dann noch eine Kneipe wäre, oder doch schon der Anfang vom Wellnesstempel, da ist sich Uli Kasiske nicht so sicher.
Eine gute Kneipe, sagt er, erkenne man letztlich daran, ob darin gelebt werde. So gehen die Meinungen auseinander. Elisabeth Rieth würde sagen, es wird dort gestorben.