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Presseerklärung


Berlin, 09.03.06

Kirche bessert das Image der Tabakindustrie auf

Gestern abend, am 8. März, wurden vor der Zentrale des Verbandes der Zigarettenindustrie in der Neustädtischen Kirchstr. 8 die Gäste einer Veranstaltung von zwei Dutzend Protestanten empfangen. Die Tabakkonzerne hatten Bischof Wolfgang Huber, Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland als Redner für das Veranstaltungspodium gewonnen. Karl Jüsten, Leiter des Berliner Kommissariates der deutschen Bischöfe hatte die Moderation übernommen. Es sollte über „Freiräume“ gesprochen werden - Motto der Veranstaltung laut Zigarettenindustrie: „sich einzumischen und sich einzubringen in gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Prozesse. Auch Freiräume in der Ökumene und in der Auseinandersetzung mit anderen Religionen“.  

Huber und Jüsten ließen sich nicht blicken; vermutlich waren sie durch die Tiefgarage in das Gebäude gelangt. Deshalb waren Mitglieder des Forum Rauchfrei in die Rolle der Kirchenpräsentanten geschlüpft. In angemessener kirchlicher (Ver-)kleidung bemühten sie sich, die Gäste von der Teilnahme an der Veranstaltung abzubringen. Ein anderes Forumsmitglied trat als Zigarettenproduzent auf und hielt ein mannsgroßes Kreuz aus zwei Zigaretten.

Leider huschten die meisten Gäste an den Demonstranten nur wortlos vorbei. Viele mieden das Gespräch und wollten auch ihre Namen oder ihren Beruf nicht preisgeben. Überhaupt war es eine geschlossene Gesellschaft. Selbst eine Journalistin, die keine persönliche Einladung vorweisen konnte, wurde abgewiesen. 

Johannes Spatz, Sprecher des Forum Rauchfrei, kritisierte, dass die Repräsentanten der Kirchen durch ihre Beteiligung der Tabakindustrie mehr Prestige verleihen würden. Die Tabaklobby verfolge mit der Veranstaltung allein das Ziel, ihr schlechtes Image aufzubessern. Spatz warf den Kirchenvertretern vor, dass sie unfähig seien, klare Grenzen zu ziehen. Bei der Tabakindustrie gehe es nicht um irgendeine Industrie, sondern um Produktion und Verkauf von Waren, die bei ordnungsgemäßem Gebrauch zum Tode führen. Alleine in Deutschland sterben an den Folgen des Rauchens 140.000 Menschen pro Jahr. Die Kirchenvertreter könnten den Widerspruch zwischen dem Schutz des Lebens, für den sie eintreten und dem todbringenden Verhalten der Tabakindustrie nicht auflösen. Es handele sich hier um den extremen Fall, in dem auch nur eine punktuelle Mitwirkung oder Bereitschaft zum Gespräch bei von der Tabakindustrie organisierten bzw. finanzierten Veranstaltungen unterbleiben müsse. So teile das Forum Rauchfrei die Auffassung der Weltgesundheitsorganisation, dass es keine Gemeinsamkeit mit von der Tabakindustrie durchgeführten bzw. gesponserten Veranstaltungen geben dürfe. Nach eigenen Aussagen der Tabakindustrie (BAT) geht es ihr darum, den Kontrollverlust über die öffentliche Diskussion zum Thema Rauchen und Tabak“ wett zu machen. BAT prahlt, der Konzern habe „ein Beziehungsgeflecht zu allen Teilen der Gesellschaft aufgebaut und das Marktklima hier zu Lande entspannt“. Dieses Beziehungsgeflecht hat dazu beigetragen, so Spatz, dass in der Bundesrepublik ein Freiraum für die Tabakindustrie entstehen konnte ohne gesetzliches Rauchverbot in Gaststätten und ohne Verbot der Tabakwerbung. 

Auf ein Beschwerdeschreiben des Ärztlichen Arbeitskreises Rauchen und Gesundheit antwortete der Präsident Dr. Hermann Barth des Kirchenamtes, auch im Namen von Huber: „Es mag extreme Fälle und Situationen geben, in denen eine auch nur punktuelle Mitwirkung oder Bereitschaft zum Gespräch unterbleiben müssen. Aber ich bitte um Verständnis, wenn Bischof Dr. Huber diesen Grenzfall im Falle der Gesprächseinladung der Verbandes der Cigarettenindustrie nicht gegeben sieht.“

Weitere Informationen bei: Johannes Spatz Tel.: 90299-4703, 017624419964