
Heidi Kosche, MdA
Tabakindustrie fördert Berliner Herzzentrum: Lehren und Konsequenzen
Ethik-Kodex: Keine Akzeptanz von Geldern der Tabakindustrie
Im Rahmen der seit den 70er Jahren betriebenen Tendenzforschung existieren in der Tabakindustrie Stiftungen, die Forschungsgelder vergeben können. So hat auch der US-Konzern Phillip Morris eine eigene Forschungsstiftung, die Phillip Morris Research Foundation, eingerichtet. Diese unterstützt hauptsächlich Forschungen, die der Konzern zu kommerziellen Zwecken weiterverwenden kann, beispielsweise um junge Menschen davon abzuhalten das Rauchen aufzugeben.
Es ist inzwischen gängige Praxis diese Forschungsgelder auch an hochrangige WissenschaftlerInnen, besonders im Bereich der Medizin, zu geben, die nicht primär in der Tabakforschung tätig sind. Diese genießen in der medizinischen Forschung höhere Glaubwürdigkeit als ein Konzern der Tabakindustrie. So können sich die Zigarettenkonzerne ein besseres öffentliches Ansehen verschaffen und auch Einfluss auf Forschungsergebnisse nehmen, die nur auf den zweiten Blick mit den Folgen des Rauchens oder Passivrauchens in Verbindung gebracht werden. Ein solches Vorgehen nennt sich „White-Coat-Strategy“ (Weißkittelstrategie) , und wird weltweit von Zigarettenherstellern betrieben. Im Fall von Phillip Morris musste das entsprechende „External Research Program“ aufgrund von massiver Kritik der Öffentlichkeit eingestellt werden .
Zwischen den Jahren 2003 - 2005 hat das Deutsche Herzzentrum Berlin (DHZ Berlin) für ein Forschungsprojekt zur Früherkennung von Arteriosklerose, angesiedelt in der Klinik für Innere Medizin, unter dem Kardiologen Prof. Eckhart Fleck 937.000 Euro Forschungsgelder von Phillip Morris erhalten.
Das Antragsverfahren sei transparent und die Auswahl werde von unabhängigen WissenschaftlerInnen getroffen, betonte Prof. Fleck nach Veröffentlichung der Drittmittelvergabe. Er meinte, man sollte „besser mit Stolz zur Kenntnis nehmen“, dass das Herzzentrum solch eine hohe Finanzförderung erhalten habe.
Wie es aber wirklich zu diesem Forschungsvorhaben gekommen ist, geht aus einem geheimen Memo aus dem Jahr 2000 hervor, das von dem Forum Rauchfrei veröffentlicht wurde. Das Memo, das von einem Mitarbeiter des Forschungslabors von Philip Morris in Köln über sein Gespräch mit Fleck angefertigt wurde, spricht nicht von Unabhängigkeit sondern ganz im Gegenteil davon, „Ziel müsse ein fairer Interessensausgleich sein“. Und weiter heißt es dort: Fleck sehe „auch am ehesten einen möglichen positiven Effekt in Bezug auf das öffentliche Ansehen der Zigarettenindustrie“. In einem weiteren Geheimpapier von Philip Morris wird Fleck als Berater wissenschaftlicher Projektsteuerung des Konzerns aufgeführt.
Nachdem eine kleine Anfrage im Berliner Abgeordnetenhaus von Lisa Paus und mir im Jahr 2008 diesen Zusammenhang bewiesen hat, wurden wir in einer Stellungnahme durch Prof. Fleck persönlich heftig angegriffen. Nach der Veröffentlichung des Memos aber musste das DHZ Berlin alles eingestehen. Es räumte kleinlaut ein, dass die Forschungsgelder „direkt“ von dem Unternehmen Philip Morris gekommen seien. Philip Morris sei in der Tat an einer „kommerziellen Nutzung der Ergebnisse“ interessiert gewesen und wollte sein Negativimage durch die Förderung aufbessern. Dem Deutschen Herzzentrum war alles wiederfahren, was die White-Coat-Strategy beinhaltet:
Natürlich hätte das DHZ Berlin die Drittmittel aus der Tabakindustrie in erster Instanz nicht annehmen dürfen, denn die Wissenschaft muss vor Einflussnahme durch die Tabakindustrie geschützt werden und im Sinne der Betroffenen unabhängig bleiben. Das DHZ Berlin hat eigene Lehren gezogen: Gemeinsam mit anderen Wissenschaftseinrichtungen wollten sie 2009 einem Ethikkodex beitreten, der Drittmittel für medizinische Forschung aus der Tabakindustrie ablehnt. Wir Grüne wollen aber einen Schritt weiter gehen. Wir wollen, dass alle Wissenschaftseinrichtungen des Landes Berlin einen wirkungsvollen Ethik Kodex unterzeichen, so einen, wie ihn das Deutsche Krebsforschungszentrum Heidelberg 2005 unterschrieben hat. Dafür haben wir einen Antrag im Geschäftsgang des Berliner Abgeordnetenhauses von Berlin, dem nur noch alle anderen Fraktionen zustimmen müssten.
Heidi Kosche, MdA
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Grüning, Thilo; Schönfeld, Nicolas: Tabakindustrie und Ärzte: „Vom Teufel bezahlt…“. Dtsch Ärztebl. 2007, 104 (2): A-770
Grimm, David: Research Funding: Philip Morris pullst he Plug on controversial Research Program. Science 2008, Vol. 319, No. 5867, p. 1173
Abgeordnetenhaus Berlin (31.Juli 2008): Kleine Anfrage der Abgeordneten Lisa Paus und Heidi Kosche (Bündnis 90/ Die Grünen): Finanzierung von Forschungsprojekten durch die Tabakindustrie. Drucksache 16/ 12416