16.12.2004
Haltung zur Tabakrahmenkonvention
der WHO
Im Frühjahr 2005 wird die
Rahmenkonvention Tabakkontrolle in Kraft treten. Sie wird die erste
international gültige Gesundheitskonvention sein - vergleichbar mit der
Klimakonvention von 1992.
1999 begann die
Weltgesundheitsorganisation, angesichts der weltweiten Tabakepidemie eine
Rahmenkonvention zur Zurückdrängung des Rauchens auf den Weg zu bringen. Als
sie im Jahr 2000 den Entwurf der Konvention vorlegte, reagierte die
Tabakindustrie mit massiver Ablehnung. So kanzelte der mächtige Tabakkonzern
British American Tobacco diesen als „grundlegend fehlerhaft“ ab.
Worum geht es? Die
Kernstücke der Konvention sind einheitliches Vorgehen gegen Werbung und freien
Verkauf von Tabakwaren sowie Heraufsetzung
der Verkaufspreise durch eine international abgestimmte Steuerpolitik. Vor
Passivrauchen soll Schutz gewährt werden und Aufklärung und Entwöhnungsangebote
sollen verstärkt werden.
Während der heißen Phase
der Verhandlungen vor der endgültigen Abstimmung durch die Mitglieder der WHO
im Mai 2003 spielten die Bundesregierung, die USA und Japan eine unrühmliche
Rolle. Diesen Ländern wurde im British Medical Journal vorgeworfen, die
Konvention unter dem Druck der mächtigen Tabakgiganten British American Tobacco
und Philip Morris zu verwässern („watering down“). Explizit die Bundesrepublik
sei für die negative Position der Europäischen Union verantwortlich. Hinter den
Kulissen war eines der Ziele der Lobbyarbeit von USA und Deutschland, bei der
Forderung nach einem umfassenden Werbeverbot und dem Verbot von
Zigarettenautomaten in den Text der Konvention Verfassungsvorbehalte
einzubauen. Noch bis unmittelbar vor der Abstimmung drohte die USA damit, der
Konvention nicht zuzustimmen. Die Bundesrepublik erklärte ihre Bereitschaft für
ein positives Votum erst wenige Tage vor der Abstimmung in Genf. [1]
Das Resultat dieses
massiven Verhandlungsdrucks ist eine vollkommen entschärfte Konvention:
Als roter Faden ziehen
sich abschwächende Anmerkungen, wie „in Übereinstimmung mit ihrer Verfassung
oder ihren verfassungsrechtlichen Grundsätzen“ oder „unbeschadet der souveränen
Rechte der Vertragspartner“, durch die Konvention. Es dominieren die
Kann-Bestimmungen vor denen von Soll und Muss.
Nachdem die Konvention so
entschärft worden war, war es nicht verwunderlich, dass sie von den
Tabakkonzernen nicht mehr abgelehnt wurde. Vielmehr freute sich Philip Morris
nun „auf die Zusammenarbeit mit Regierungen weltweit“. Der Konzern erklärte,
die Konvention stelle „eine große Chance“ dar.
Inzwischen hat der
internationale Vertrag in der Bundesrepublik Bundesrat und Bundestag als Gesetz
passiert und ist ohne Veränderung und große Aussprache am 19. November 2004 von
einer großen Koalition aus Bündnis 90/Die Grünen, SPD und CDU/CSU verabschiedet
worden. Lediglich die FDP stimmte dagegen, da sie die Werbeeinschränkungen
problematisch fand. Die FDP sprach dazu den klassischen Satz, der auch in der
Vergangenheit von dem Kanzler gerne benutzt wurde, dass Tabak in der
Bundesrepublik Deutschland ein legales Produkt sei und daher auch legal
beworben werden dürfe. Die FDP lehnte gleichzeitig steuerliche Maßnahmen ab.[2]
Die Bundesregierung hat
das Tabakrahmenübereinkommen am 16. Dezember 2004 ratifiziert, so dass es 90 Tage
später, also im März 2005, in der Bundesrepublik in Kraft treten wird.
Weil die Konvention im
Verlauf ihres Entstehungsprozesses so stark abgeschwächt wurde, bedeutet sie
für Deutschland keinen Fortschritt für die Tabakkontrollpolitik. So konnte auch
das Bundesgesundheitsministerium aus Anlass der Ratifizierung erklären:
„Zahlreiche Maßnahmen zur Reduzierung des Tabakkonsums, die in der Konvention
festgelegt werden, sind in Deutschland bereits umgesetzt“.
Die Konvention mag für
viele Entwicklungsländer ein Fortschritt sein, und daher konnte die
Generaldirektorin der WHO, Gro Harlem Brundtland, mit Recht von einem
„Meilenstein in der Geschichte von Öffentlicher Gesundheit“ sprechen, doch für
die Bundesrepublik ist es eine Niederlage. Denn auf dem Weg zu einem
umfassenden Werbeverbot, Abschaffung der Zigarettenautomaten, deutlich höheren
Preisen für Tabakprodukte und Rauchverbote am Arbeitsplatz oder in
Krankenhäusern kann uns diese Konvention nicht helfen.
Die Bundesregierung hat
die Linie ihrer Politik nicht verlassen: Sie hat sich als getreuer Partner der
Tabakindustrie bewährt. Und die Tabakkonzerne klatschen dazu Beifall. Man muss
sich die Erklärung von Philip Morris nach der der Hauptversammlung der WHO im
Mai 2003 auf der Zunge zergehen lassen: „Die FCTC (Konvention) stellt eine
große Chance dar – für Verbraucher, das Gesundheitswesen sowie die
Tabakbranche. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit Regierungen weltweit.
Gemeinsam mit ihnen wollen wir diese Chance nutzen, effektive Bestimmungen für
den Umgang mit Tabakprodukten zu entwickeln und durchzusetzen.“[3]
Vor diesem Hintergrund ist
es absolut unverständlich, dass ein großer Teil der Aktivisten, die sich in der
Bundesrepublik für Tabakprävention einsetzen, auf einer Anti-Tabakkonferenz in
Heidelberg am 16. Dezember 2004 einer Deklaration zustimmten, die der
Bundesregierung einen erfolgreichen Verlauf bescheinigt. Statt die Verwässerung
der Inhalte der Konvention durch die Bundesregierung zu verurteilen, begrüßten
die Teilnehmer der Konferenz das Verhalten der Bundesregierung kritiklos[4]:
„Die Teilnehmerinnen und
Teilnehmer der Konferenz begrüßen sehr, dass der Prozess der Ratifizierung der
Internationalen Tabakrahmenkonvention (Framework Convention on Tobacco
Control/FCTC) erfolgreich verlaufen ist und die Rahmenkonvention im März 2005
in Kraft treten kann.“ Sie „begrüßen ebenfalls, dass auch die Bundesrepublik
Deutschland die rechtlichen Vorbedingungen zur Ratifizierung der Konvention
geschaffen hat. Sie hat damit ihre Bereitschaft zur aktiven und wirksamen
Tabakkontrollpolitik bekundet.“[5]
Während dieser Konferenz
hatte sich das Forum Rauchfrei erfolglos für eine deutliche Kritik an der
Regierungspolitik eingesetzt.
Als die Deklaration zum
Schluss der Konferenz abgestimmt werden sollte, wurde eine Diskussion dazu
nicht zugelassen. Die Konferenz wurde vorzeitig – obwohl ein Zeitdruck nicht
gegeben war - mit der Aufforderung zu zustimmenden Handzeichen beendet, ohne
dass Enthaltungen oder Gegenstimmen abgefragt wurden.
Die Bundesregierung geht
einen für Europa einzigartig tabakfreundlichen Weg. Dies beruht offenbar nicht
nur auf der traditionellen Freundschaft zwischen Regierung und Tabakkonzernen, sondern auch auf der Schwäche
der Anti-Tabakbewegung und auf der Regierungsabhängigkeit weiter Teile dieser
Bewegung.
Johannes Spatz
Sprecher von Forum
Rauchfrei
[1] Gilmore, B. A.,
Collin, J.; Editorials: The world’s first international tobacco control treaty.
BMJ 2002; 325, 846-847
Fleck, F.: WHO accused of watering down tobacco
treaty. BMJ 2003; 326, 412 (22 February)
Fleck, F.: US and Germany give late support to WHO
tobacco accord. BMJ 2003; 326: 1103 (24 May) („Under pressure from the powerful
tobacco industry, the two countries had long lobbied behind the scenes to water
down the WHO’s Framework Convention on Tobacco Control, citing constitutional
objections.“)
Fleck, F.: Strong anti-tobacco treaty rejected by two
rich nations. BMJ 2003; 326: 518 (1 March)
[2] Siehe dazu Bundestagsdrucksache 15/3734 vom
22.09.2004 (sie enthält die englische Fassung von Framework Convention on
Tobacco Control, FCTC und die deutsche Übersetzung: Rahmenübereinkommen der WHO zur Eindämmung des
Tabakgebrauchs)
[4] Neben der zitierten Einführung enthält die
Deklaration auch die bereits seit geraumer Zeit erhobenen Forderungen nach
umfassendem Werbeverbot, Abschaffung aller Zigarettenautomaten, Umsetzung der
3. Tabaksteuererhöhung und gesetzlichen Schutz vor dem Passivrauchen.