Johannes Spatz
Die Plan-und Leitstelle Gesundheit des Bezirksamtes Friedrichshain-Kreuzberg von Berlin hat im Herbst 2006 mehr als 1140 Schülerinnen und Schüler über den Konsum von Wasserpfeifen befragt und die 18 Shisha-Lokale des Bezirks untersucht (Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg 2007).
Wasserpfeifenkonsum von Jugendlichen mehr als eine Mode
Das herausragende Ergebnis der Schülerbefragung war, dass 31 Prozent der Jugendlichen im Alter von 10 bis 16 Jahre Wasserpfeifen und „nur“ 16 Prozent Zigaretten rauchten. Die Daten über mehrere Altersstufen hinweg legen nahe, dass das Wasserpfeifenrauchen den Weg zum Zigarettenrauchen ebnet (siehe Abbildung 1). Damit wird die These der Weltgesundheitsorganisation bekräftigt, dass Wasserpfeifenrauchen eine wichtige Einstiegsdroge für das spätere Zigarettenrauchen ist (WHO 2005).
Die Studie „Förderung des Nichtrauchens bei Jugendlichen“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung beschreibt eine im Februar 2007 vorgenommene Befragung von Jugendlichen. Danach rauchen bundesweit 14 Prozent der Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren Wasserpfeifen (BZgA 2007). Dass in Friedrichshain-Kreuzberg erheblich mehr Kinder und Jugendliche Wasserpfeifen rauchen als im Bundesdurchschnitt, lässt sich durch die Beteiligung von Jugendlichen auch aus kleineren Städten in der bundesweiten Erhebung erklären, die von dem Shisha-Trend bisher noch nicht voll erreicht wurden. Nahe liegt, dass auch der relativ hohe Anteil von Menschen mit einem türkischen und arabischen Migrationshintergrund in Friedrichshain-Kreuzberg eine verstärkende Rolle spielt.
In der Veröffentlichung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wird über eine deutliche Abnahme der Zahl der Zigaretten rauchenden Kinder und Jugendlichen berichtet. Während von den 12-bis 17-jährigen Jugendlichen im Jahr 2001 noch 28 Prozent Zigaretten rauchten, ist dieser Anteil im Jahr 2007 auf 18 Prozent gesunken. Möglicherweise kann die deutliche Abnahme der Zahl der jugendlichen Raucher zum Teil durch die in diesem Zeitraum fallende Preiserhöhung für Zigaretten erklärt werden (Weltbank 2003). Doch liegt die Vermutung nahe, dass sich hinter der Abnahme des Zigarettenkonsums auch eine Zunahme des Wasserpfeifenkonsums versteckt. Das würde bedeuten, dass die Meldungen über den Rückgang des Rauchens bei Jugendlichen während der letzten Jahre nicht so optimistisch zu bewerten sind, wie bisher angenommen worden ist. Deshalb besteht Bedarf für eine gezielte Untersuchung, die den Zusammenhang zwischen Rauchen von Wasserpfeifen und dem Rauchen von Zigaretten detailliert analysiert.
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Die Befragung in Friedrichshain-Kreuzberg zeigt, dass bei den Jugendlichen ein geringes Wissen über die Gesundheitsfolgen des Shisha-Rauchens vorhanden ist. Nur 38 Prozent der unter 16-jährigen Schüler/-innen gaben an, dass sie das Rauchen von Wasserpfeifen für ähnlich gesundheitsgefährdend wie das Zigarettenrauchen halten. Zu dem gleichen Ergebnis kommt auch die Befragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.
Werbung für Wasserpfeifenkonsum ohne Warnung
Wasserpfeifen-Lokale sind erst in den letzten Jahren populär geworden. In dem 260.000 Einwohner umfassenden Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg wurden von der Plan- und Leitstelle 18 Wasserpfeifenlokale identifiziert. 16 dieser Lokale wurden im Lauf der letzten vier Jahre eröffnet. Die Wirte der Lokale verneinten mit überwältigender Mehrheit (78%), dass der Konsum von Wasserpfeifen ähnlich gefährlich sei wie der von Zigaretten.
Bei den Begehungen der Wasserpfeifen-Lokale fiel auf, dass großflächig auf den Hausfassaden für den Konsum von Wasserpfeifen geworben wurde, ohne dass vor möglichen Gesundheitsgefahren gewarnt wird. In Deutschland darf zwar für alle Tabakprodukte in der Öffentlichkeit geworben werden. Vorgeschrieben ist aber, dass jede Werbung mit einer deutlich sichtbaren Warnung vor den Gesundheitsgefahren verbunden wird.
Auf einzelnen Packungen von Wasserpfeifen-Tabak fehlen entweder Warnhinweise gänzlich oder sie sind nicht in deutscher Sprache angegeben. Nahezu alle Packungen werben entsprechend den beigefügten Aromastoffen mit Abbildungen von Obst wie Äpfeln, Trauben oder Erdbeeren. Damit wird der Eindruck erweckt, dass es sich um ein gesundes Produkt und nicht um Tabak handelt.
Wasserpfeifen-Tabak außer Kontrolle
Im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg werden auch außerhalb von Shisha-Lokalen Wasserpfeifentabak-Packungen in Einzelhandelsgeschäften zum Kauf angeboten. Die Packungen entsprechen häufig nicht den gesetzlichen Vorschriften. So werden in der Regel Teerkonzentrationen mit „Null“ angegeben, obwohl wie beim Zigarettenrauchen Teer entsteht. Durch derartige Angaben werden die Wasserpfeifen-Raucher irregeführt. Auch werden Packungen mit der Angabe von 20 Prozent Glycerin verkauft, obwohl der einzuhaltende Grenzwert 5 Prozent beträgt. Üblich ist, dass Wirte dem Tabak noch mehr Glycerin zusetzen, um ihn besonders feucht zu machen. Durch das Erhitzen von Glycerin entsteht der Schad
stoff Acrolein, der im Verdacht steht, im Tierversuch Krebs zu verursachen.
In dem zuständigen Labor der Senatsverwaltung für Gesundheit von Berlin wurden im Jahr 2007 mehr als ein Dutzend Wasserpfeifentabak-Proben untersucht. Ein Drittel der Proben gab Anlass für Beanstandungen. Dabei wurde reklamiert, dass Zusatzstoffe, Aromen, Trägerlösungsmittel und Farb- Geruchs-und Geschmacksstoffe verwendet werden, die nicht zugelassen sind. Es handelt sich um Verstöße gegen die Tabakverordnung, die Tabakproduktverordnung und das Vorläufige Tabakgesetz. So kommt es zu unkalkulierbaren Risiken, die zu den bekannten Risiken des sonst üblichen Tabaks noch hinzu addiert werden müssen.
Obwohl für Wasserpfeifentabak wie für jede andere Art von Tabak die allgemeinen Gesetze gelten, die Herstellung, Handel, Verkauf und Konsum von Tabakprodukten und den Nichtraucherschutz regeln, fehlt derzeit die entsprechende Umsetzung in praktisch jeder Hinsicht. Es wird sogar gegen das Steuergesetz verstoßen. So kann man in Geschäften des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg derzeit unbeanstandet unverzollten Wasserpfeifentabak erwerben.
Partikelkonzentrationen von Wasserpfeifen höher als von Zigaretten
In acht Wasserpfeifen-Lokalen wurden im Auftrag der Plan- und Leitstelle Gesundheit die Feinstaubkonzentrationen gemessen. Dabei wurden mit einem Partikelmessgerät die Konzentrationen des Passivrauchs, der durch Wasserpfeifenkonsum entsteht, untersucht. Es handelte sich dabei um die ersten Messungen dieser Art in der Bundesrepublik Deutschland. Die Kurve der Abbildung 2 zeigt die Partikelkonzentration, die im Vorraum des Raucherraumes eines Shisha-Lokals und auf der Straße sehr gering ist und dann steil auf über 4300 µg pro m3 im ersten Gipfel und auf 3500 im zweiten Gipfel ansteigt. Der arithmetische Mittelwert der kleiner als 2,5 µm großen Partikel war mit 780 µg/m³ höher als die Partikelkonzentrationen, die in Restaurants, Kneipen und Diskotheken, in denen Zigaretten geraucht wurden, gemessen worden waren (siehe Abbildungen 2 und 3) (DKFZ 2007).
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Berichte aus der Praxis
Passivrauchen bei Wasserpfeifen gefährlicher als bei Zigaretten
Nach Aussagen der WHO entsteht bei einer üblichen Sitzung des Wasserpfeifenrauchens so viel Rauch wie bei dem Konsum von 100 bis 200 Zigaretten (WHO 2005). Dies erklärt sich damit, dass Wasserpfeifenraucher tief in die Lunge inhalieren müssen, um den Widerstand des Wassers der Shisha zu überwinden. Während bei einer Zigarette etwa 50 ml Rauch angezogen werden, sind es bei der Wasserpfeife 500 bis 1000 ml.
Daher ist die Rauchkonzentration in einem Raum, in dem Wasserpfeifen geraucht werden, höher als in Räumen von Zigarettenrauchern. Dies führt zu dem Schluss, dass die Gesundheitsgefahr, die vom Passivrauchen der Wasserpfeifen ausgeht, größer ist als die des Passivrauchens in Folge des Zigarettenrauchens. Weil es bisher über die Frage der Gesundheitsgefahren des Passivrauchens keine evidenzbasierten Aussagen gibt, besteht dringender Forschungsbedarf (WHO 2006).
Fazit
Wasserpfeifentabak besteht wie Zigarettentabak aus einer höchst gefährlichen Mixtur von Schadstoffen, die Krebs erregen und zu Herzinfarkt führen können (BfR 2006).
So, wie Alkopops als süße Brause für den Markt der Kinder und Jugendlichen wie geschaffen zu sein schienen, lieben die Kinder und Jugendlichen heute die Inhalation der süßen Fruchtaromen. Gerade wenn Kinder und Jugendliche die Gefahren durch Zigarettenrauchen ernst nehmen, kann ihnen die Wasserpfeife als eine gesunde Alternative zur Zigarette erscheinen. Werbeposter und Packungen mit frischen Früchten vermitteln den Eindruck, dass es sich um ein gesundes Produkt handelt. Die Befragungen der Kinder und Jugendlichen in dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg haben ergeben, dass das Shisha-Rauchen stärker verbreitet ist als das Zigarettenrauchen. Eine intensive Aufklärung in Schulen ist dringend notwendig. Ebenso wichtig sind die entschiedene Regulierung und Kontrolle von Verkauf und Werbung. Dafür sind die kommunalen Lebensmittelaufsichtsämter zuständig.
Literatur:
Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, Hrsg. (2007): Studie Vorsicht Wasserpfeife. Berlin (auf www.berlin.de; „Vorsicht Wasserpfeife“ in die Suchmaske eingeben)
Bundesinstitut für Risikobewertung, BfR (2006):
Gesundheits- und Suchtgefahren durch Wasserpfeifen.
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, BZgA (2007): Förderung des Nichtrauchens bei Jugendlichen, 2007 – Kurzbericht.
Deutsches Krebsforschungszentrum, DKFZ (2007):
Hohe Konzentrationen von giftigen und krebserzeugenden Stoffen durch Tabakrauchbelastung in deutschen Gastronomiebetrieben. Heidelberg Die Weltbank (2003): Der Tabakindustrie Einhalt gebieten. Deutsches Krebsforschungszentrum Heidelberg World Health Organisation, WHO (2005): Waterpipe Tobacco Smoking: Health Effects, Research Needs and Recommended Actions by Regulators World Health Organisation, WHO (2005): Tobacco use in Shisha. Studies on waterpipe in Egypt
Das Berliner ALAB hat die Partikelmessungen in den Shisha-Lokalen von Friedrichshain-Kreuzberg vorgenommen. Es ist ein durch die DAP (Deutsches Akkreditierungssystem Prüfwesen GmbH) akkreditiertes Prüflaboratorium u.a. für das Prüfgebiet Innenraumschadstoffe nach DIN EN ISO / IEC 17025.
Endnote
1Die Studie „Vorsicht Wasserpfeife“ und ein Auf
klärungsflyer für Jugendliche können kostenlos
angefordert werden bei dem Bezirksamt Fried-
richshain-Kreuzberg von Berlin, Müllenhoffstr. 17, 10967 Berlin, Tel.: 030 / 747559-22.
Sie sind im Internet zu finden unter: http://
www.berlin.de/ba-friedrichshain-kreuzberg/
verwaltung/org/planleit/wasserpfeife.html
Anschrift des Verfassers:
Johannes Spatz Thielallee 66 14195 Berlin
E-Mail: Johannes_spatz@web.de
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