HB BERLIN. Der tödliche blaue Dunst darf in Deutschland weiter
ungestört in die Luft geblasen werden. Ein gesetzliches Rauchverbot
nach italienischem oder spanischem Vorbild ist nicht in Sicht, die
Debatte kommt seit langem nicht voran.
Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing (SPD),
schließt ein gesetzliches Rauchverbot zwar vorerst aus, will sich
diese Möglichkeit aber „offen halten“. „Das Problem wird durch ein Verbot nicht direkt gelöst“, sagte die
Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing (SPD). Die Bundesregierung
beobachte zwar die Auswirkungen der Rauchverbote in Ländern wie
Spanien und Italien sehr genau. Vor weiteren gesetzlichen
Überlegungen wolle man aber die Ergebnisse der freiwilligen
Selbstverpflichtung des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands
(DEHOGA) zum Nichtraucherschutz abwarten.
Nach Ansicht der Drogenbeauftragten, die ihr Amt im November 2005
angetreten hat, zeigt die bisherige Politik der Bundesregierung im
Kampf gegen das Rauchen durchaus Wirkung. Die Raucherquote sei
rückläufig, vor allem bei Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren
nehme die Zahl der Raucher deutlich ab. „In Deutschland zeichnet sich
gerade eine Bewusstseinsänderung ab. Das stimmt mich hoffnungsfroh
und optimistisch“, sagte Bätzing. Sie gehe davon aus, dass sich
dieser Trend fortsetzen werde. Der von der Bundesregierung gewählte
„Mix aus Gesetzen und Prävention“ habe sich bewährt.
Bätzing ermunterte Länder und Kommunen, verstärkt über regionale
Lösungen nachzudenken. „Wenn ein Bürgermeister entscheiden würde,
sein Rathaus sollte rauchfrei sein, dann könnte er das machen.“ Die
Veranstalter der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland forderte
die Drogenbeauftragte auf, ein Rauchverbot in den Stadien zu erwägen.
„Wir arbeiten gerade daran, dass der Nichtraucherschutz bei der WM
eine wichtige Rolle spielt.“
Auch CDU-Gesundheitsexperte
Hermann-Josef Scharf will kein Bekenntnis für ein Rauchverbot
abgeben: „Wir setzen auf den mündigen Bürger. Die Menschen müssen
selbst entscheiden, was das Richtige für sie ist.“ Detlef Parr von
der FDP warnt gar vor einer „Treibjagd auf Raucher“, wie es sie in
Italien oder Spanien gebe. „Diese Genussmittel sind immer Bestandteil
unserer Gesellschaft gewesen und lagen in der Eigenverantwortung des
Einzelnen.“
Das hält die Leiterin des WHO-Kollaborationszentrum für
Tabakkontrolle im Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg,
Martina Pötschke-Langer, für ein vorgeschobenes Argument: „Man kann
nicht bei einem Süchtigen von Eigenverantwortung reden.“
In den Überlegungen der Politik mag die Tabaksteuer eine zentrale
Rolle spielen. 13,6 Milliarden Euro spülte sie 2004 in die Kassen des
Bundes und war damit nach der Mineralölsteuer die zweitstärkste
Verbrauchssteuer. In Zeiten knapper Kassen benötigt der Fiskus die
Einnahmen dringend, um Haushaltslöcher zu stopfen.
Die Anti-Rauch-Aktivisten wollen diese Argumente nicht gelten
lassen. „Die Politiker wiegeln ab und reden das Problem klein“, sagt
der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Nikotinforschung,
Knut-Olaf Haustein. Der Wissenschaftler verweist auf den
volkswirtschaftlichen Schaden, der jährlich durch das Rauchen
entstehe. „17 Milliarden durch tabak-assoziierte Erkrankungen“,
rechnet Haustein vor.
Die Deutsche Krebshilfe wirft der Bundesregierung sogar eine
Blockadehaltung im Kampf um den besseren Schutz von Nichtrauchern
vor. Deutschland habe sich mit seiner Tabakpolitik der vergangenen
Jahre in Europa isoliert, kritisiert der Verband. Als Grund für das
Zögern des Gesetzgebers haben die Nikotingegner den starken Einfluss
der Tabaklobby ausgemacht. Durch die finanzielle Macht der Konzerne
würden politische Entscheidungen beeinflusst.
„Der Lobbyismus für das tödliche Produkt Zigarette ist in Deutschland
einzigartig erfolgreich“, sagte Martina Pötschke-Langer, die Leiterin des WHO-
Kollaborationszentrums für Tabakkontrolle im Deutschen
Krebsforschungszentrum in Heidelberg. „Die Tabakkonzerne in Deutschland sind
bestens aufgestellt“, erklärte Pötschke-Langer.
Der Sprecher des Tabakkonzerns Reemtsma, Lars Großkurth, erklärt:
„Wir versuchen schon, uns Gehör zu verschaffen.“ Auch British
American Tobacco (BAT) argumentiert heftig gegen ein Rauchverbot. „Es
muss möglich sein, dass Erwachsene, die sich bewusst für den Konsum
von Tabakprodukten entscheiden, auch in der Öffentlichkeit rauchen
dürfen“, sagt BAT-Sprecher Rainer Stubenvoll. Rauchverbote träfen
stattdessen die Gastronomie.
Das befürchtet auch der DEHOGA. Um ein gesetzliches Rauchverbot abzuwenden, verpflichtete
sich der Verband im vergangenen Jahr zur Einrichtung von
Nichtraucherbereichen in zahlreichen Speisegaststätten. Doch während
in neun von zehn Restaurants bis März 2008 die Hälfte der Plätze für
Nichtraucher reserviert sein muss, blieben Kneipen und Discotheken
davon ausgeschlossen. „Dort gehört Rauchen einfach dazu. Für viele
der kleinen Kneipen wäre ein Rauchverbot existenzgefährdend“, sagt
DEHOGA-Sprecherin Stefanie Heckel.
Im Widerstreit der Argumente ringt die Politik um eine klare
Haltung. Der bislang von der Bundesregierung vertretene „Mix aus
Gesetzen und Prävention“ habe sich bewährt, versichert die
Drogenbeauftragte Bätzing. Doch sie sagt auch: „Wir haben noch viel
zu tun.“