Auf dem 14. Kongress Armut und Gesundheit hat das Forum Rauchfrei zwei Foren organisiert:
Ort:
Rathaus
Schöneberg, John-F.-Kennedy-Platz, 10820 Berlin
Zeit:
Freitag, den 5. Dezember 2008
Programmbeiträge des Forum Rauchfrei:

Vollständiges Kongressprogramm
u. Anmeldung:
www.armut-und-gesundheit.de
Weitere Informationen zu den zwei Foren:
Aktionszentrum des Forum Rauchfrei, Tel.: (030)74755922
FR|| 11.30 Einflussnahme der Tabakindustrie – Forum I
Einflussnahme
der Tabakindustrie
Johannes Spatz
Thema beider Foren sind die Instrumente der Tabakindustrie, mit denen sie versucht, die Gesellschaft für ihre Zwecke zu beeinflussen. Das erste Forum stellt die Instrumente dar und analysiert sie. Während des zweiten Forums sollen Vertreter/-inen aus der Politik sich dazu positionieren. Es werden die Instrumente des Marketing der Tabakindustrie dargestellt. Dabei handelt es sich einerseits um direkte Instrumente, Kinder und Jugendliche durch Werbung, niedrige Preise und barrierefreien Verkauf anzulocken. Und es sind andererseits die indirekt wirkenden Instrumente angesprochen, die die Rahmenbedingungen definieren. Hierzu zählen die Einflussnahmen auf die Politik durch Geldzuweisungen in Form von Parteispenden ebenso wie die Finanzierung von Festen oder Anzeigen. Auch ist das weite Gebiet der Imageförderung zu benennen mit Sponsoring, Preisvergabe, Schirmherrschaften und Finanzierung von Forschungsprojekten. Schließlich darf nicht die Vereinnahmung positiver gesellschaftlicher Trends wie Bio, Grün und Umweltschutz vergessen werden. Wenn diese flexiblen, leistungsstarken und durchsetzungsfähigen Instrumente zu einem Bündel geschnürt werden, können sie an vielen Orten gleichzeitig auf die Gesellschaft im Sinne der Interessen der Tabakindustrie einwirken und eine starke Kraft entfalten.
Ziel der Workshops ist es, diese Mechanismen des Marketing von Tabak, die letztendlich in großem Umfang für Krankheit und Tod in der Bevölkerung verantwortlich sind, transparent zu machen. Es soll erreicht werden, dass der Einfluss der Tabakindustrie in unserer Gesellschaft zurück gedrängt und so ein wichtiger Beitrag zur Gesundheitsförderung geleistet wird. Genauso wie das Rauchen nicht als normaler Bestandteil unseres Alltags propagiert werden darf, sollte auch dem todbringende Marketing der Tabakindustrie ein Ende gesetzt werden.
Tabaklobby an
Hochschulen
Thomas Hartmann, Hochschule Magdeburg-Stendal (FH)
Der Arbeitskreis Gesundheitsfördernde Hochschulen (AGH) hat sich verstärkt seit der Änderung der Arbeitsstättenverordnung 2002 in Zusammenarbeit mit dem Projektbüro „Rauchfrei am Arbeitsplatz“ der Bundesvereinigung für Gesundheit (jetzt BV f Präv u Gesundheitsf) für den Nichtraucherschutz an Hochschulen eingesetzt. Durch die verabschiedeten Ländergesetze zum Nichtraucherschutz sind auch die Hochschulen mittlerweile verpflichtet, die Gebäude vollständig rauchfrei zu halten.
Die Forderung einer „Rauchfreien Hochschule“ des AGH beinhaltete zusätzlich, dass die Hochschulen (und Forschungseinrichtungen) es nicht zulassen, „...dass die Tabakindustrie an Ihrer Hochschule als Sponsor, Forschungsgeldgeber, Forschungspreisträger und/oder im Zusammenhang mit Merchandising auftritt.“ Im Vergleich zum Nichtraucherschutz in der Hochschule, ist diese Aufforderung bisher seitens der Institutionen, die für eine unabhängige Wissenschaft von den Bürgern finanziert werden, nicht befolgt worden. Wie jüngsten Veröffentlichungen in der Presse zu entnehmen ist, fließen weiterhin erhebliche (Forschungs-)Gelder seitens der Tabakindustrie in die Hochschulen.
Der Beitrag wird den derzeitigen Erkenntnisstand über die Verflechtungen der Tabakindustrie mit den deutschen Hochschulen darstellen. Die Auflösung des Verbandes der deutschen Cigarettenindustrie und die Sonderrolle des Zigarettenherstellers Philip Morris - deren Stiftung die Vergabe des Forschungspreises im Jahr 2008 eingestellt hat - lässt für die Zukunft neue Strategien der Tabaklobby erwarten. Die Zielrichtung - die Wissenschaft für die gesellschaftliche Akzeptanz des Rauchens einzunehmen - bleibt dabei unverändert.
Weitere Informationen finden Sie hier: [www.gesundheitsfoerdernde-hochschulen.de]
Frauen in der
Zigarettenwerbung
Edith Weiß-Gerlach, Charité – Universitätsmedizin Berlin
Bis ins 19. Jahrhundert war Rauchen das ausschließliche Privileg der Männer, was überwiegend heute noch für Pfeifen und Zigarren gilt. Für die Zigarettenwerbung selbst wurde das „schöne Geschlecht“ aber bereits 1880 entdeckt. Die Zigarette selbst eroberte das weibliche Geschlecht nach dem Ersten Weltkrieg, zuerst waren es die Bohémiennes, die in der Öffentlichkeit rauchten. Mithilfe von weiblichen Stars und Werbesprüchen wie „Für eine schlanke Frau – greif zur Lucky Strike anstatt zu Süßigkeiten“ oder „Der Verdauung zu Liebe – raucht Camel“, wurde systematisch bei Frauen für das Zigarettenrauchen geworben. Mit diesen und anderen Werbesprüchen gelang es der amerikanischen Zigarettenindustrie in den 1930er und 1940er Jahren, die Zigarette zu einem integrierten Bestandteil des Lebens zu stilisieren.
Den nächsten Aufschwung, mit einer Vervierfachung des Zigarettenverbrauchs, brachte der Zweite Weltkrieg. Ab den 1950er Jahren erlebte bei Frauen die Filterzigarette ihren Aufschwung mit Werbespots wie „rein und weiß, wunderbar“ oder „was der Doktor verordnet“. Ab jetzt rauchten Frauen öffentlich und es gab besonders für Frauen geschaffene King-Size- und Mentholzigaretten. Die Werbung erschuf ein neues Bild der emanzipierten, rauchenden Frau.
Nachdem häufiger über die Schädlichkeit von Zigaretten zu hören war, hat die Tabakindustrie die Stimmung der Frauen geschickt aufgegriffen und entwickelte die „Light- Zigarette“, die den Frauen suggerierte, gesünder zu Rauchen. In dieser Zeit griff die Werbeindustrie aber vermehrt zu anderen Strategien. Die Zielgruppe Frauen, und Rauchen wurde zum Symbolträger von Individualität, Unabhängigkeit, Erfolg, Attraktivität, Zugehörigkeit und Freiheit. Sprüche wie „Ich rauche gern“ „Aus purer Lust“ oder „Genieße Die Leichtigkeit“ förderten eine Kultur positiver Bewertung des Rauchens. Die Marketingstrategie der Tabakindustrie, dass Rauchen assoziiert wird mit Spaß und Erfolg im Berufleben, Versprechen auf Entspannung, mit Liebe und Zärtlichkeit oder mit Charisma und Kraft, traf ins Schwarze, schaut man sich die Raucherzahlen bei Frauen an. Die Rauchquote hat bei Frauen lange Zeit zugenommen, während sie bei Männern rückläufig war; erst in den letzten Jahren geht sie auch bei Frauen leicht zurück.
Literatur:
1. Haustein K. & Groneberg D.: Tabakabhängigkeit: Gesundheitliche Schäden durch
das Rauchen, 2. Auflage; Heidelberg, Springer Verlag 2008
2. WHO-Kollaborationszentrum für Tabakkontrolle: Tabakwerbung und Scheitern der
„freiwilligen Werbebeschränkungen“ der Tabakindustrie am Beispiel der Zielgruppe
Frauen. DKFZ, Heidelberg, o. D.
Wie die
Tabakindustrie die Sehnsucht der Jugendlichen benutzt
Nicolas Schönfeld, HELIOS Klinikum Emil von Behring, Berlin
- ohne abstract -
Selbstverpflichtung der Tabakindustrie, eine Täuschung?
Stern, Anna-Mariana & Tempel, Nicole
Die erstmalig 1966 formulierten Selbstverpflichtungen der Tabakindustrie beziehen sich sowohl auf quantitative als auch auf qualitative Werbeeinschränkungen. Sie sollen insbesondere Kinder und Jugendliche vor dem Einfluss der Werbung schützen.
Inwieweit jedoch die Tabakindustrie die eigens auferlegten Beschränkungen einhält, ob sie andere Möglichkeiten findet ihre Werbebotschaften an Jugendliche zu vermitteln und ob bzw. wie Kinder und Jugendliche Werbung wahrnehmen, soll am Beispiel der Studie TALK – Tabak und Alkohol in Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen diskutiert werden.
Im Rahmen einer Beobachtungsstudie wurden allgemein bildende Schulen (n=21) im Berliner Stadtteil Friedrichshain-Kreuzberg im Umkreis von 250 m u. a. auf die Einhaltung der Selbstverpflichtungen untersucht. Zusätzlich wurden SchülerInnen zwischen 10 und 25 Jahren (n=1.147) zu ihrer Wahrnehmung von Werbung befragt.
Die Ergebnisse zeigten ein außerordentlich hohes Werbeaufkommen sowie einige Verstöße gegen die Selbstverpflichtungen. Die Fragebogenerhebung ergab, dass mehr als 90 % der SchülerInnen Tabakwerbung in irgendeiner Form kennen und sie entgegen der Selbstverpflichtungen oftmals als jugendbezogen empfinden. Im Workshop soll u.a. diskutiert werden, ob die Selbstverpflichtungen tatsächlich einen Schutz für Kinder und Jugendliche darstellen, oder ob sie vielmehr die Tabakindustrie vor dem Erlass von umfassenderen gesetzlichen Regelungen schützen.
Selbstverpflichtung der Zigarettenautomatenaufsteller und ihre Wirksamkeit am
Beispiel der Stadt Weimar
Dipl.-Kffr. Doreen Otto-Pfütze, Nichtraucher-Initiative Deutschland e.V.
(NID)
Eine Bestandsaufnahme aller Tabakbezugsquellen in Weimar zeigt: die Selbstverpflichtung der Tabakindustrie, keine Zigarettenautomaten in unmittelbarer Nähe von Schulen und Jugendzentren aufzustellen, wird in einem Drittel der Fälle missachtet.
Darüber hinaus sind viele Einrichtungen, die vorzugsweise von Kindern und Jugendlichen genutzt werden, von der Selbstverpflichtung ausgenommen: Kindertagesstätten, Spielplätze, Jugendherbergen, Kinos, Diskotheken, Sporteinrichtungen usw. Unkritisch hingenommen wird ebenfalls die Kombination von zwei Drittel aller Süßigkeitenautomaten mit Zigarettenautomaten. Und schließlich werden in allen Lebensmittelläden, Tankstellen und Spielstuben, in über zwei Drittel aller Getränkehandel, Drogerien, Gastronomiebetrieben, Beherbergungsbetrieben, Kultur- und Tagungszentren sowie vereinzelt in Bäckereien und Baumärkten Tabakwaren verkauft. Zusammen mit Tabakwarenläden und mehr als 150 im Außenbereich aufgestellten Zigarettenautomaten ergibt das über 300 Tabakbezugsquellen, die flächendeckend und zeitlich zum Teil uneingeschränkt eines der schädlichsten Suchtmittel verkaufen.
Das Beispiel Weimar zeigt, dass die Selbstverpflichtung der Tabakindustrie – selbst bei Einhaltung – ein unzureichendes Mittel des Jugendschutzes ist. Ein verantwortungsvoller Umgang mit Tabakwaren setzt ein Verbot von Zigarettenautomaten und eine kontrollierten Tabakabgabe voraus.
Sponsoring:
Das Beispiel Dresden
Wolfgang Schwarz, Sächsischer Arbeitskreis “Förderung des Nichtrauchens”
Im Interesse ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz versucht die Tabakindustrie, sich als Förderer kultureller, wissenschaftlicher und sozialer Projekte darzustellen. Mit Sponsorengeldern will sie sich das Wohlwollen von Politik und Gesellschaft erkaufen. Zugleich erhöht Sponsoring das Ansehen des spendenden Unternehmens in der Gesamtbevölkerung.
Die f6 Cigarettenfabrik in Dresden ist neben dem Berliner Werk einziger Produktionsstandort des Tabakriesen Philip Morris in Deutschland. Am Beispiel Dresden werden Sponsoringaktivitäten aufgeführt, die mit dem Konzernnamen Philip Morris oder dem Produktnamen f6 verbunden sind.
Können
Zigaretten bio sein?
Rainer Herrmann, Forum Rauchfrei
An Hand eines konkreten Beispiels der Zigarettenwerbung mit dem Begriff bio werden die Handlungsschritte aufgezeigt die letztendlich zu einem Verbot dieser Werbung führten.
Das Projekt Rauchfrei in Friedrichshain-Kreuzberg, führte im Jahr 2007 eine Ermittlung der Tabakverkaufsstellen im Ortsteil Friedrichshain durch. Im Rahmen dieser Ermittlungen wurden in einem Geschäft in der Warschauer Str. Werbematerialien der Santa Fe Tobacco Company vorgefunden. Es wurde auch mit dem Slogan 100 % Bio Tabak geworben. Um zu prüfen ob hier gegen das vorläufige Tabakgesetz verstoßen wurde, das Begriffe wie naturrein und natürlich verbietet, wurde dies dem Bundesverband der Verbraucherzentralen mitgeteilt. Dieser erhob Klage nachdem der Tabakkonzern keine Unterlassungserklärung abgeben wollte. Der Tabakkonzern unterlag im September 2008 vor dem Landgericht Hamburg.
Grüne Verkleidung, das Beispiel
Tritz, Geschäftsführerin des Deutschen Zigarettenverbands
KyRa Golden
Bundes- und landesweit plädieren die GRÜNEN für absoluten Nichtraucherschutz und umfangreiches Rauchverbot und weisen eindringlich auf die Gefahren des Nikotindrogenkonsums hin. Und gleichzeitig halten ranghohe GRÜNEN-Politiker ihre schützende Hand über die Ex-GRÜNEN-Bundestagsabgeordnete Marianne Tritz, jetzt Geschäftsführerin des neugegründeten Deutschen Zigarettenverbandes (DZV).
Öffentlich kokettiert Frau Tritz immer wieder gern mit ihrer Mitgliedschaft in der GRÜNEN-Partei. Wie verträgt sich die Kombination, Parteimitglied der GRÜNEN zu sein und gleichzeitig geschäftsführende Vertreterin des Nikotindrogen-Todes?
FR|| 14.15 Einflussnahme der Tabakindustrie – Forum II
Konsequenter
Nichtraucherschutz für Alle
Ulrike Höfken, Sprecherin für Ernährungspolitik und Verbraucherfragen der
Bundestagsfraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie Vorsitzende des Ausschusses für
Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz
Laut einer Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) sind 8,5 Millionen Erwachsene am Arbeitsplatz den Schadstoffen von Tabakrauch ausgesetzt. Gerade Frauen sind in den schlecht bezahlten gastronomischen Bereichen beschäftigt und durch die bestehenden Ausnahmen im Arbeitsschutzgesetz benachteiligt. Es kann nicht sein, dass der Arbeitsschutz gerade da vernachlässigt wird, wo vermehrt Einkommensschwache arbeiten. Bündnis 90/ Die Grünen fordern eine klare Verankerung des Schutzes vor Passivrauchen im Arbeitsschutzgesetz für alle Beschäftigten und den verstärkten Ausbau der Hilfs- und Beratungsangebote. Auch sind einheitliche Regeln zum Nichtraucherschutz in allen Bundesländern wichtig.
Nach wie vor sind auch gerade Menschen aus einkommensschwachen Haushalten Zielgruppe der Werbung der Tabakindustrie. Die für Zigarettenkonsum aufgewendeten Finanzmittel stehen dadurch nicht mehr für andere Mittel des täglichen Bedarfs wie Nahrung, Hygiene und Kleidung zur Verfügung. Wir benötigen daher dringend ergänzende Tabakwerbeverbote, die über die europäischen Tabakwerbeverbote hinausgehen und unter anderem die Werbung auf Plakaten verbieten sowie die Werbung in Kinos einschränken.